Der Spiegel: 37/1996 “Gut für die Augen”

Posted on October 11, 2010 by


Der Spiegel 37/1996:

“Hofffnung für tausende von Geschädigten: Erstmals musste Scientology einem Ex-Mitglied rund 30000 Mark Kursgebühren  zurückzahlen.

Der pensionierte Ingenieur aus München fühlte sich geleimt. Jünger der Scientology – Sekte hatten ihm versprochen, dass er schon bald frei von Sorgen und Problemen sei. Zu vor müsse er lediglich eine Anzahl von Psychokursen belegen. Danach spüre er keine “psychischen Leiden”, “Neurosen” und “Zwänge” mehr. Neben “Tatkraft” und höchster “Befriedigung” erlange er zu dem einen “Inteligenzquotienten hoch über den heutigen Durchschnitt”.

In kürzester Zeit gab der Scientology- Neuling mehr als 170000 Mark für Kurse, Bücher, Cassetten sowie “geistliche Beratung” aus. Doch das Gefühl der Glückselligkeit stellte sich nicht ein.

Verärgert zog der Ingenieur vor Gericht. Wenigstens einen Teil der Kursgebühren wollte er wiederhaben. Er forderte rund 30 000 Mark.

Das Gericht gab ihm Recht – ein erstinstanzliches Urteil, das Scientology teuer zu stehen kommen könnte. Erstmals sprachen Richter damit einem Ex – Mitglied die Herausgabe von Kursgebühren zu.

Begründung des Landesgerichts München I: Die Sekte handle “automatisch sittenwidrig”, wenn sie ihre Anhänger in sogenannten Auditing Gesprächen aushorche, akribische deren Schwachpunkte notiere und dieses Wissen ausnutze, um Mitglieder zu Psychkursen und zur Aufnahme von Krediten zu “drängen”.

Der Mann sei zu dem getäuscht worden. Hätte er gewußt, dass die Versprechungen nicht, wie behauptet, auf wissenschaftlichen Erkenntnissen beruhen, sondern auf schierem Glauben, hätte er ihnen nach Überzeugung der Richter “sein Geld nicht anvertratut”. – ein Hoffnungsschimmer für Tausende von Geschädigten, die sich für Scientology mitunter hoch verschuldet haben.

Dafür sorgen die Einpeitscher der Sekte. Sie fordern ihre Kunden immer wieder auf, weitere, noch teurere Lehrgänge zu belegen, um ihre angeblichen psychischen Defekte auszukurieren.

Scientologische Psychoseminare kosten nicht selten zwei, drei Durchschnittsmonatsgehälter wie etwa der sogenannte Prosperity – Runddown. Für den Kurs, der die Teilnehmer zu Wohlstand und dem erfolgreichen Umgang mit Geld führen soll, müssen die Absolventen schon mal 8000 Mark berappen.

Bislang schien es wenig aussichtsreich, solche Verträge oder sogenannte Spendenvereinbarungen anzufechten. Denn in der Regel haben die Leute aus freien Stücken unterschrieben. Rechtsanwälte, wie der Hamburger Scientology – Experte Ralf Burmester hoffen, mit Hilfe des Münchner Urteils nun vielen “Mandanten aus der Misere helfen zu können”. Denn die meisten Fälle so Burmeister glichen sich: “Die Leute wurden mit falschen Tatsachenbehauptungen gelockt und haben dadurch viel Geld verloren.”

Einem seiner Mandanten sei etwa versprochen worden, Scientology sei gut für die Augen, er könne durch ihre Psychotechniken seine Kurzsichtigkeit verlieren; einem anderen, er werde immun gegen radioaktive Strahlen und habe somit beste Chancen einen Atomkrieg zu überleben.

“Das Urteil verbessert unsere Möglichkeiten entscheident,” glaubt der Münchner Anwalt Martin Habdank, der seit 20 Jahren Scientology – Opfer vertritt. Eine Prozeßflut träfe die Sekte empfindlich. Denn die Kursgebühren sind eine ihrer Haupteinnahmequellen.

Die Scientology Anwälte haben das Münchner Urteil zunächst angefochten. Als sich abzeichnete, dass auch die Richter der nächsten Instanz, des Oberlandesgerichts, kaum anders entscheiden würden, versuchten sie wenigstens zu verhindern, dass der Richterspruch publik wurde.

In einem “Vergleich” nahmen die Scientologen das Landgerichtsurtei (AZ 28 O 23490/92) schließlich weitgehend hin und zahlten den geforderten Betrag zurück unter einer Bedingung: Der Kläger musste sich unter Androhung einer Vertragsstrafe zum Stillschwiegen verpflichten.

Die Nachricht sickerte durch: Ein Anonymous schickte eine Kopie des Urteils an den Rechtsanwalt Ingo Heinemann, Geschäftsführer der Bonner “Aktion für Geistige und Psychische Freiheit”. Darin haben sich Betroffene zusammengeschlossen, deren Angehörige in die Hände von Psychosekten geraten sind. Jurist Heinemann verschickt das Münchner Urteil auf Anforderung an Interessierte.”

Auf der Internetseite der AGPF gibt es das Urteil!

Posted in: Deutsch