Angst statt Trost

Posted on November 19, 2010 by


Sie nennen sich Kirche und treiben Menschen in den Ruin. Sie versprechen Freiheit und schaffen Abhängigkeit. Wer Ihnen ins Netz geht, wird festgehalten in einem Gespinst aus Ängsten und falschen Versprechungen.

Die Sache beginnt häufig ganz harmlos mit einem Persönlichkeitstest und dem Versprechen, man werde sein Leben besser in den Griff bekommen. Es folgen “Therapie-Sitzungen” für ca. 150 € die Stunde, dann Kurspakate für immense Summen, manchmal bis zu 40 000 € – Gehirnwäsche der teuersten Art. Es sind schlimme Erfahrungen mit den “Seelenfängern” über die Aussteiger immer wieder berichten, Es wurde ihnen ein schönes Leben versprochen und meistens, in der ersten Zeit, einsame und größtenteils hochverschuldete Menschen zurücklassen.

“Wer sich auf Scientology einläßt, begibt sich auf einen Horrortrip” berichtet eine Aussteigerin.  Etwa 4 000 Scientologen gibt es in der Bundesrepublik, nach Sekten Angaben gehören weltweit 6 Millionen Menschen Scientology an. Scientology hat seinen Hauptsitz in Clearwater/Florida und von dort aus regiert sie in der Art eines “Schneeballsystems” ihre Niederlassungen.

Ihr Jahresumsatz geht in den Milliardenbereich. Mit dem Verkauf von Büchern, Lizensgebühren  etc. verdienen die Scientologen ihr Geld. Auch im Wirtschaftsleben sahnen die “cleveren” Geschäftemacher kräftig ab. Ziel des Sektengründers L. Ron Hubbard (1911 – 1986), u.a. ein Science – Fiction Autor: Jeder Mensch soll sich zu einem Übermenschen entwickeln und totale geistige Freiheit erreichen.

Eine Aussteigerin erinnert sich: “Ich war 21 mein Freund hatte sich Leben genommen. Ich wurde damit nicht fertig, Dann entdeckte ich im Briefkasten diesen Fragebogen…” Auf einem Faltblatt standen dicht untereinandergedruckt 200 Fragen:

Interesieren sie sich für die Angelegenheiten anderer Leute?

Neigen, Sie dazu eifersüchtig zu sein?

Lassen sie sich durch Kinder irritieren?

Sind sie weniger gesprächig als ihre Bekannte?

Die Austeigerin berichtet weiter: “Es wurde behauptet, dass sich Spezialisten der Auswertung annehmen würden und der Getestete eine ehrliche Analyse der Persönlichkeit erhalte.” Sie schickte den Bogen ausgefüllt zurück: “Ich dachte, vielleicht können die mir Helfen, mit meiner Traurigkeit fertig zu werden.”

Zwei Wochen später bekam sie die Einladung zur Testauswertung in eine scientologische Niederlassung “Mission” oder “Org” genannt: “Da saß ich nun und hörte, dass sich einen labilen Charakter und Probleme mit anderen Menschen hätte.” Widerspruch war sinnlos: “Man sagte mir ausdrücklich, dass ich nicht in der Lage sei, mein Leben selbst zu ordnen.”

Ein Kommunikationskurs sollte die Lösung für ihre Probleme sein und zuerst schien dies auch zuzutreffen. Manchmal saß sie Stundenlang vor ihrem Kurspartner, schaute ihm in die Augen, bis es ihr nicht mehr unangenehm war. und sie völlig ruhig wurde. Sie lernte Sätze klar und deutlich zu formulieren. “Meine Nervösität schien auf einmal wie weggeblasen. Bei der Arbeit war ich konzentrierter, machte weniger Fehler. Zwei Monate dauerte der Kurs.”

Drei Monate später kündigte sie ihren Job und arbeitete in einer “Mission” mit 25 anderen Scientologen. “Ich wollte die ganze Welt retten und glaubte, dass Hubbards Übungen mich von allen Problemen befreien könnten. Mein erster Erfolg hatte mich blind gemacht.” So blind, dass sie als Abteilungsgehilfin für 50€ im Monat  arbeitete, ohne soziale Absicherung.

In den Büros der Sekte arbeiten nur die wenigsten Mitglieder. Die meisten gehen einem ganz normalen Beruf nach. Das dort verdiente Geld wird größtenteils für Kurse und Spenden wieder ausgeben.

Eine andere Aussteigerin kam über ihren Mann zur Sekte. Ihr Mann arbeitete für ein scientologisch geführtes Unternehmen und nahm dort regelmäßig an Verkaufsschulungen teil. “Er war total auf Kariere – Tripp und erklärte mir, dass ich Kurse belegen müsste, um ein freier Mensch zu werden, anderen überlegen zu sein.” Da sie Angst hatte ihren Mann zu verlieren trat sie der Sekte bei. “Jeden Sonntag musste ich Akten sortieren und Mitglieder anschreiben.” Statt Bezahlung gab es Kurse.

Kaum ist man angeworben beginnen die scientologischen Mühlen sich zu drehen. Kurse, Trainingsstunden, Bücher und Richtlineinbriefe des Sektengründers. Denn erst durch Kurse und Auditings soll es dem Einzelnen gelingen, ein angstloser und befreiter Mensch, ein sogenannter Clear zu werden.

Dahinter steckt Hubbards abenteuerliche Theorie von Engrammen und Thetanen. Der Thetan (ein Geistwesen, dass den menschlichen Körper  als Lebensraum/Körperhülle nutzt) wandert nach dem Tod eines Menschen in einen neuen Körper. Aus seinen unzähligen früheren Leben bringt er schreckliche Erfahrungen mit. Durch  diese “Engramme” kommt es zu psychischen Störungen und körperlichen Krankheiten. Diese Engramme können nur in Auditingsitzungen und durch bestimmte Kurse gelöscht werden. Das Auditing ist das Herzstück der Gedankenkontrolle. Als Hilfsgerät dient ein E-Meter ein Apparat, der mit einem Lügendetektor verglichen werden kann und der den Hautwiderstand misst.  An ein solches Gerät werden die Scientologen “angeschlossen”, um ihre Probleme ans Tageslicht zu befördern und dadurch ein “Clear” zu werden.

Eine Aussteigerin erinnert sich: “Ich hielt zwei blecherne Suppendosen, die mit einem Apparat verbunden waren, in den Händen. Der Auditor saß mir gegenüber und stellte Fragen. Sinngemäß: Gibt es eine Verstimmung? Ich wurde aufgefordert, Ärger aus meinem früheren Leben hervorzukramen. Dann wurde stundenlang darauf herumgehackt.” Viele glauben an den Erfolg: “Die meisten fühlen sich gut, weil ihnen endlich jemand zuhört und sie sich alle Sorgen von der Seele reden können.”

Aber: Jeder Kurs ruft neue Ängste wach und weckt das Bedürfnis nach einem weiteren. Doch auch ein anderes Gefühl spielt eine Rolle. Das Gefühl mehr zu wissen, besser zu sein als andere, sie kontrollieren zu können. “Man hat uns erklärt, dass wir Berufene seien und dass wir uns von anderen, die nichts wissen, lösen müssten”, so eine Aussteigerin. Kritik würde früh im Keim erstickt. “In den Kursen erfuhren wir, dass es Freiheit nur durch Aufgabe der Selbstkontrolle geben kann. Wir wurden trainiert, auf Befehl zu handeln.”

angelehnt an den Artikel “Im Bann der Seelenfänger”